Wenn Parallelwelten plötzlich Kinder kriegen

Ich habe schon in mehreren Beiträgen über FanFiction geschrieben.

Im ersten Beitrag von August 2008 („Parallelwelten„) habe ich davon erzählt, wie ich über Harry Potter zu FanFiction gekommen bin. Im Beitrag „Parallelwelten als eigene Ideen ausgeben“ vom März 2011 ging es darum, wie Autoren ihre Stories nach und nach aus den Portalen löschen, um ihre Geschichten umzuschreiben (bzw. ihre Charaktere umzuformen) und sie als Buch drucken zu lassen und verkaufen zu können. Im letzten Beitrag vom März 2012 habe ich mich damit befasst, was passiert, wenn so eine ehemalige FanFiction – in diesem Falle die ehemalige Twilight-FF „Masters of the Universe“ aka „Fifty Shades of Grey“ – zu einer wahren Goldgrube wird („Wenn Parallelwelten plötzlich lukrativ werden„).

Fifty Shades of Grey
Fifty Shades of Grey

Dieser letzte Blogpost ist nun tatsächlich schon wieder über ein Jahr her. Fifty hat tatsächlich sowas wie eine kleine Revolution ausgelöst und Erotica alltagstauglich gemacht. Die Bücher müssen nicht mehr in der hintersten Ecke des Ladens versteckt werden; in grossen Buchhandlungen gibt es eigene Erotica-Regale an prominenter Stelle inklusive des zugehörigen Merchandisings und lustiger Ableger (sehr witzig und originell finde ich zum Beispiel das Kochbuch „Fifty Shades of Chicken“).

Fifty Shades of Chicken
Fifty Shades of Chicken

 

Wie schnell die Zeit vergeht und wie viele ehemalige Twilight-FFs seither als Buch veröffentlicht wurden. Einige dieser Bücher – manchmal zuerst im Eigenverlag produziert – werden später sogar an grosse Verlagshäuser verkauft, neu aufgelegt, in andere Sprachen übersetzt und schaffen es auf die Bestseller-Listen. (Wer sich dafür interessiert, findet hier eine Zusammenstellung aller bisher veröffentlichten Twilight-FFs.) Einige dieser Bücher sollen nun auch noch verfilmt werden – neben „Fifty Shades of Grey“ (angekündigter Kinostart August 2014) zum Beispiel „The Office“ aka „Beautiful Bastard“ oder „Edward Wallbanger“ aka „Wallbanger“.

Beautiful Bastard
Beautiful Bastard

Ich bin schon gespannt, ob die Filme schlussendlich wirklich gedreht und wie sie beim Publikum ankommen werden. Für „Fifty“ sehe ich irgendwie keine rosige Zukunft voraus, aber wer weiss. Bleiben sie nah an der Vorlage, wird es zu sehr Porno. Und das verkleinert gerade in Amerika den Zuschauerkreis enorm – es gibt eher wenige R-rated  (FSK18) Nicht-Horror-Filme, die in den USA genügend Geld eingespielt haben, um als rentabler Kinohit mit Fortsetzungsgarantie zu gelten (z.B. „Ted“ oder „Hangover“). Auf „Wallbanger“ würde ich mich aber freuen. Sex ist zwar zentral, findet aber eher im Kopf der Protagonistin statt. Die Geschichte funktioniert auch ohne heisse Fesselspiele und ist so witzig, dass sich daraus eine gute Komödie machen liesse.

Wallbanger
Wallbanger

Interessant ist nun die Tatsache, dass es auf dem grössten FanFiction-Portal mittlerweile über 1100 FFs zu „Fifty Shades of Grey“ gibt. So eine Story wäre dann also eine FF, die auf einem Buch basiert, welches auf einer FF basiert. welche auf einem Buch basiert, das anhand eines Traums geschrieben wurde… oder so. Falls der Film tatsächlich noch gedreht wird, werden sich wohl einige angehende Autoren davon inspiriert fühlen und neue FFs produzieren. Diese FFs basieren dann also auf einem Film, der auf einem Buch basiert, das aufgrund einer FF entstand, welche auf einem Buch basiert, das durch einen Traum inspiriert wurde… ahem. Zudem ist es gut möglich, dass die Verfilmung von Fifty den Weg für weitere Verfilmungen ehemaliger FFs ebnet. Wenn das jahrelang so weitergeht, müsste eigentlich ein Grossteil der Frauenliteratur – zumindest der Segmente „Erotica“, „Romance“ und „Supernatural Romance“ – auf Twilight basieren bzw. davon inspiriert worden sein. Eigentlich witzig, wenn man bedenkt, wie viele Frauen Fifty lieben, aber Twilight kategorisch als Kinderkram ablehnen.

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Wenn Parallelwelten plötzlich lukrativ werden

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich im Artikel „Parallelwelten als eigene Ideen ausgeben“ darüber geschrieben, wie ursprünglich online publizierte Twilight-FanFiction plötzlich in gedruckter Form in den Bücherregalen oder als eBooks auf den E-Readern und Smartphones landet.

Letzten Mai hat  TWCS Publishing House eine der bisher bekanntesten – und auch „versautesten“ – dieser Geschichten als Trilogie rausgebracht. Genau, die Rede ist von “Fifty Shades of Grey” (ursprünglich „Master of the Universe“ oder MOTU) von der britischen Autorin E.L. James.

Seither ist einiges passiert, denn das Buch hat dank Mund-zu-Mund-Propaganda und den sozialen Netzwerken eingeschlagen wie eine Bombe; ist seit Wochen auf der New York Times Bestseller-Liste und als Buchversion mehr oder weniger überall ausverkauft, da TWCS als kleines, unabhängiges Verlagshaus nicht mit Drucken nachkommt. Wörter wie „Mommy Porn“ machen die Runde. Psychology Today befasst sich wegen der Themendebatte mit BDSM und warum sich karrierehungrige, emanzipierte Frauen mit einer Heldin identifizieren wollen, die sich einem Mann sexuell unterwirft und Fesselspielen hingiebt. Hollywood streitet sich um die Filmrechte. Die Trilogie wird nicht mehr nur verschämt und heimlich am Computer verschlungen, sondern in Talk-Shows und renommierten Live-Sendungen wie der „Today Show“ oder auf ABC diskutiert.

Die Buchrechte wurden letzten Monat für eine 7-stellige Summe an Vintage Books (Random House) verkauft – die Trilogie geht jetzt in den Nachdruck, um den Lesehunger nach sexy Literatur zu stillen. Und es sind nicht nur die angeblich sexuell frustrierten „Desperate Housewives“, die sich auf die Bücher stürzen – Erotica lesen ist en vogue geworden und man muss sich nicht mehr schämen, so ein Buch auf dem Nachttisch liegen zu haben. Weshalb jetzt auch ausländische Verlagshäuser um die Buchrechte streiten und sich langsam auch deutschsprachige Medien wie die Bild, die Annabelle oder der Tagesanzeiger mit der Buchreihe befassen. Und sogar katholische Geschäfte wie Weltbild (die sich ansonsten so katholisch geben, dass nicht mal „Das Sakrileg“ / „The DaVinci Code“ erhältlich ist) das grosse Geschäft wittern und „Fifty Shades“ bereits als (englisches) E-Book anbieten.

Übrigens sind „Fifty Shades“ und „Master of the Universe“ (mit kleinen Abänderungen und Zusätzen) auch jene Begriffe, die am häufigsten in der Google-Suchwörter-Statistik für diesen Blog zu finden sind. Und nein, ich habe das Buch nicht gelesen. Auch die Originalversion nicht. Wer des Englischen nicht mächtig ist, muss aber nicht mehr lange warten: Im Sommer wird „Fifty Shades“ auf Deutsch bei Goldmann erscheinen.

Parallelwelten als eigene Ideen ausgeben

Ich habe schon vor längerer Zeit in Parallelwelten geschrieben, wie ich in die Welt der FanFiction eingetaucht bin. Von Harry Potter gings rüber zu Twilight, und da bin ich dann auch geblieben.

Victoria Michaels: Trust in Advertising
Quelle: Omnific Publishing

Was allerdings ein netter Zeitvertreib war und Hunderten oder gar Tausenden von Leuten amüsante Stunden beschert hat, hat nun plötzlich eine saure Note bekommen. Der Grund? Zwei Verlage (Omnific Publishing und TWCS) haben es sich zur Aufgabe gemacht, ursprüngliche FanFiction als „Original Fiction“ zu verkaufen. Was dazu geführt hat, dass Unmengen von Stories teilweise ohne Vorwarnung oder Erklärungen vom Netz genommen werden – nicht wegen Verletzungen irgendwelcher Guidelines (z.B. des Jugendschutzes) – sondern mit der Absicht, diese publizieren zu lassen.

Quelle: TWCS

Während die einen sich darüber freuen, dass man die Geschichte nun bald auch als ordentliches Buch in der Hand halten und abends gemütlich im Bett lesen kann, laufen die anderen Sturm vor Entrüstung. Manche Blogs wie Twankhard haben es sich sogar zur Aufgabe gemacht, sich über die Egos der FanFiction-Autoren zu mockieren und die Geldmacherei anzuprangern.

Quelle: Omnific Publishing

Auch wenn als Autor wahrscheinlich kaum von diesen Büchern leben kann: Darf man das überhaupt? Gelten diese AU- und AH-Geschichten überhaupt als „Original Fiction“? Schliesslich sind sie alle an die Originalfiguren von Stephenie Meyer angelehnt. Und die ist ziemlich hart, wenns ums Geschäft geht.

Obwohl die Verlage behaupten, keine FanFiction anzunehmen und sogar Regeln aufstellen, was FFs betrifft (z.B. dass man nicht einfach bei seinen Stories die Namen und Orte ändern kann, um sie dann als eigenes Werk einzusenden), ist es doch auffällig, dass sie sich nur dem Twilight-Fandom bedienen. Und sogar Werbung für ihre Bücher auf Twilight-FanFiction-Seiten (z.B. Omnific auf Twilighted) machen. Oder gar ihre Autoren an Twilight-Conventions schleppen, damit diese die Werbetrommel rühren. „Normale“ Autoren schreiben doch nur eigene Geschichten aus Ideen und Charakteren, die in ihren eigenen Köpfen entstanden sind. Was haben diese Autoren dann auf Events zu suchen, die sich eigentlich mit Twilight-relevanten Dingen beschäftigen? Bei Omnific entsprechen die Titelbilder sogar den Bannern von Twilighted, unter denen die Stories hochgeladen wurden, und im Gegensatz zu TWCS müssen noch nicht mal die Titel geändert werden.

Ins Rollen gebracht hat die Sache übrigens „The University of Edward Masen“ (UoEM), die nun unter „Gabriel’s Inferno“ von Omnific publiziert wird. Die Homepage und der Autor waren plötzlich unerreichbar, und viele Anhänger machten sich bereits Sorgen – bis man merkte, was Sache ist. Interessanterweise ist die Zusammenfassung auf der Buchrückseite genau die gleiche, die wir schon von seiner Homepage und aus den FF-Seiten kennen. Und das, obwohl der Autor mehrere Male versichert hatte, dass er die Geschichte niemals vom Netz nehmen, geschweige denn zu Geld machen wird.

Quelle: TWCS

Richtig spannend wird es, wenn TWCS im Mai „Fifty Shades of Grey“ veröffentlicht. Das Original – „Master of the Universe“ (auch MoTu genannt) – ist eine der bekanntesten Twilight-FFs – und übrigens auch eine der „versautesten“. Es gibt nicht nur hunderte von dem Hauptdarsteller „Fifty“ gewidmeten youtube-Videos und Fanseiten, sondern sogar inoffizielle Fan-Artikel. Es ist allerdings fraglich, ob Leute überhaupt bereit sind, Geld für ein Buch aus dem Erotica-Segment zu zahlen, dass man vorher gratis lesen durfte und immer noch als PDF weitergereicht wird, wenn schlussendlich doch nur Namen, Orte und evtl. das Haarstyling und die Augenfarbe der Charaktere geändert wurden.  

Dass die Autoren nun damit drohen, dagegen vorzugehen, wenn ihre Original-Stories weiterhin unter der Hand via E-Mail verschickt werden, ist eigentlich lachhaft. Schliesslich sind sie es doch, die sich Werken anderer Leute bedient haben und dafür nun auch noch Geld wollen – und glauben, die Leser da draussen würden es nicht merken.